Geistige Begegnungen in der Böttcherstraße

 
Die Vortragsreihe verfolgte einen humanistischen Bildungsauftrag im Sinne eines „geistigen Wiederaufbaus“, der nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst von den Siegermächten gefördert worden war. Der Initiator Dr. Ludwig Roselius jr. zielte aber auch auf die Gründung einer Universität in Bremen ab.
Verknüpfte Häuser

Geistige Begegnungen in der Böttcherstraße – eine wissenschaftliche Vortragsreihe von 1955 bis 1978 im Goldenen Saal der Böttcherstraße

Der Gründer der Kaffee HAG AG, Ludwig Roselius der Ältere, hat die Kriegszerstörung seiner geliebten Böttcherstraße in einer Bombennacht des Zweiten Weltkrieges nicht mehr miterlebt. Über 60 Prozent der Häuser wurden zerstört oder waren bis auf die Grundmauern abgebrannt. Ein Wiederaufbau der komplizierten Backsteinbauten erschien, zumindest unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten in der damaligen Notzeit, kaum vertretbar. Dennoch beschloss die Familie Roselius – trotz finanzieller Opfer – das mäzenatische Werk des Firmengründers fortzusetzen, und mit dem verdienstvollen Einsatz der Geschäftsleitungen und Mitarbeiter der HAG und der Böttcherstraße gelang die mühevolle Rekonstruktion der Straße. Nach Vollendung des materiellen Aufbaues war es ein Anliegen des jungen Dr. Ludwig Roselius, dem Nachfolger des Firmengründers, auch einen Wiederaufbau in geistiger Hinsicht zu wagen. Neben dem „Kunstpreis der Böttcherstraße“, mit dem er alljährlich junge Künstler förderte, rief er eine wissenschaftliche Vortragsreihe ins Leben, die für die Böttcherstraße neu und einmalig war.

Vortrag im Goldenen Saal der Böttcherstraße
Quelle
unbekannt

In den Zeiten heutigen Wohlstandes ist es nicht immer ganz leicht, sich noch in die Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzuversetzen. Dies ist aber erforderlich, um die Motive des jungen Roselius zu verstehen, die ihn bewegten, die Vortragsreihe „Geistige Begegnungen in der Böttcherstraße“ mit allen Mitteln voranzutreiben. Deutschland war nach dem schrecklichen Krieg nicht nur materiell zerstört – auch die wertvollsten Patente der teilweise führenden deutschen Industrie waren Beute der Siegermächte. Schlimmer aber noch war der Verlust funktionierender Forschungsstätten, nicht zuletzt auch verursacht durch die Abwanderung vieler bedeutender Gelehrter ins Ausland. Die Elite unserer Physiker, darunter Nobelpreisträger wie die Professoren Otto Hahn, Werner Heisenberg, C.F. von Weizsäcker und viele andere wurden entweder vorübergehend außer Landes gebracht oder abgeworben. „We take the brain“ wurde seinerzeit zu einem geflügelten Wort der amerikanischen wissenschaftlichen Vernehmungsoffiziere, was bedeuten sollte, dass man die Gehirne der Wissenschaftler als die wichtigste Kriegsbeute ansah und zumindest den Russen nicht überlassen wollte. Dieser Verlust an geistiger Kapazität wog schwer, zumal die besten jüdischen Wissenschaftler schon zuvor, während der Diktatur des Nationalsozialismus, das Land verlassen hatten oder verfolgt wurden. Es war aber nicht nur der nationale Notstand in materieller, kultureller und geistiger Hinsicht in unserem Lande zu beklagen, sondern auch die lokalen Verhältnisse in Bremen.

Hannah Arendt (1933)
Politische Theoretikerin und Publizistin.
Vortrag „Die Krise in der Erziehung“ (13. Mai 1958)
Quelle
Wikipedia Gemeinfrei

Als Hansestadt war Bremen traditionell eine Stadt der Seefahrer und Kaufleute. Künstler und Wissenschaftler hatten es schwer und fanden in dem geschäftigen Klima kaum die Ruhe, in der große Kunst und weltbewegende Wissenschaft geschaffen werden konnte. Selbst die heute bedeutend angesehene, längst verstorbene Malerin Paula Becker-Modersohn pendelte lieber zwischen Worpswede und Paris, zumal sie zu ihrer Zeit von der offiziellen Bremer Kunstkritik schroff abgelehnt wurde. Man erfreute sich in Bremen eher der etablierten Kunst, als sich mit einer noch problematischen modernen Kunst auseinanderzusetzen. Der typische Hanseat war Realist und Pragmatiker. Man verfolgte die Wirtschaftsnachrichten aus aller Welt, fand aber kaum Zeit, sich auch noch in philosophische Aufsätze oder noch unbewiesene wissenschaftliche Theorien zu vertiefen. Das Tagesgeschehen in Wirtschaft und Politik hatte Vorrang.

So ist es in einer Kaufmannsstadt auch verständlich, dass sich Bremen kaum um eine Universität bemühte. Dabei wäre es so naheliegend gewesen, vor einem weiteren Ausbau zunächst diejenigen Fächer zu lehren, für die Bremen hätte prädestiniert sein können, wie für alle Gebiete, die direkt oder indirekt, wirtschaftlich, juristisch und technisch mit der Außenhandelswirtschaft und den Bereichen des Schiffbaues und Transportwesens zusammenhängen.

Vor diesem Hintergrund reifte der Plan des jungen Roselius, auf rein privater mäzenatischer Basis das Interesse für aktuelle Wissenschaft zu wecken. Es war ein Plan, den geistigen Boden vorzubereiten, auf dem eine Universität hätte entstehen können. Er sah sich mit dem seinerzeitigen Senator Dr. Nolting-Hauff darin einig, dass es gut wäre, wenn dadurch auch das geistige Leben in der Böttcherstraße bereichert würde.

Prof. Dr. Bruno Fritsch (1995)
Wirtschaftswissenschaftler.
Vortrag „Weltwirtschaftliche Konsequenzen des ökonomisch – ökologischen Zielkonflikts“ (29. November 1977)
Quelle
ETH-Bibliothek; Wikipedia Commons

Der erste Vortrag der Reihe war dem Gedanken eines geeinten Europas gewidmet, in dem exzessiver Nationalismus militaristischer Prägung überwunden und fürchterliche Kriege innerhalb der Völkergemeinschaft endgültig der Vergangenheit angehören sollten.

Um dem Gedanken einer wirklich universellen Vortragsreihe der Universitas-Ideale gerecht zu werden, folgten Vorträge aus den verschiedensten Bereichen von Kultur und Wissenschaft, so dass die Böttcherstraße tatsächlich eine Stätte geistiger Begegnungen wurde. Viele namhafte Gelehrte kamen zu Wort und darunter auch schon die ersten Wissenschaftler, die nach dem Krieg, trotz der beschränkten Forschungsmöglichkeiten, wieder mit einem Nobelpreis, geehrt worden waren.

Im Rahmen dieses Überblickes würde es zu weit führen, alle Vortragenden zu nennen, die aus ihren Fachgebieten berichteten. So aus den Bereichen der Philosophie, der Psychologie, aus Geschichtswissenschaft, Literatur und Politik, aus der Welt der Kunst, speziell der modernen Malerei und Musik und aus dem großen Reich der Naturwissenschaften, die von der Mikrowelt bis in kosmische Dimensionen mit immer neuen Erkenntnissen aufwarten konnten. Neben der Vermittlung von konkretem Sachwissen rundeten Vorträge zu aktuellen gesellschaftspolitischen und soziologischen Problemen die Vortragsreihe ab.

Roselius begnügte sich keineswegs damit, die Vortragenden nur einzuladen, sondern er hat sich – trotz seiner beruflichen Belastung als Firmenchef – jeweils in die Problematik der Vortragsgebiete eingearbeitet, um diese durch Wort und Schrift dem interessierten Publikum nahezubringen. Rund zweihundert Plätze fasste der oft vollbesetzte „Goldene Saal“ in der Böttcherstraße, in dem die Vorträge stattfanden. Insofern half die Vortragsreihe, zusammen mit Vorträgen ähnlicher Art, in geistiger Hinsicht eine empfindliche Lücke zu füllen, die erst später durch die Universität mit einem „Studium Generale“ und frei zugänglichen Vorlesungen endgültig geschlossen wurde. Die Freie Hansestadt Bremen hat heute eine Universität, die ihr nach ihrer Größe und Bedeutung zusteht. Nach anfänglichen reformerischen Turbulenzen sowie lebhafter Ausdiskussion der Zielsetzungen und inneren Strukturen hat sie heute ihren festen Platz innerhalb der Universitäten unseres Landes. Die „Geistigen Begegnungen in der Böttcherstraße“ haben gerade in jener Zeit, in der Bremen noch keine Universität hatte, vielen interessierten Bürgern und aufgeschlossenen wissbegierigen jungen Menschen zahlreich Anregungen gegeben und einen Überblick über die verschiedensten Wissensgebiete vermittelt.

Darüber hinaus haben die „Geistigen Begegnungen in der Böttcherstraße“ ihren Beitrag zum Geistesleben in der Stadt geleistet und im privat möglichen Rahmen zumindest mitgeholfen, das Interesse für eine Universität zu wecken und den geistigen Boden hierfür vorzubereiten.

Text: Seehandel GmbH 1995