Nr. 3-5 Haus St. Petrus
Nr. 3-5 Haus St. Petrus
 
Die westliche, langgestreckte Häuserzeile prägt mit ihren traditionellen Formen und Materialien stark das Bild der Böttcherstraße. Mit diesem Gebäudekomplex für Einzelhandel, Gastronomie und Veranstaltungen schuf das Architektenduo Alfred Runge und Eduard Scotland ihr Hauptwerk in der Böttcherstraße.

Vorgeschichte

Nach dem Bezug des Hauses Nr. 6 (Roselius-Haus) und der Umgestaltung der beiden Giebelhäuser daneben zum Haus Nr. 4, der Bremen-Amerika-Bank (heute Haus des Glockenspiels), war es Roselius’ Plan, die westliche, vom Markt aus gesehen rechte Seite mit einem kompletten Neubau zu überziehen.Grundlegend zu den beiden Häusern: Kirsten Leuenroth: Das HAG-Haus und das Haus St. Petrus, in: Hans Tallasch (Hg.): Projekt Böttcherstraße, Delmenhorst 2002, S. 119-145 Die Böttcherstraße als Konzept der ‚Stadt in der Stadt‘ für Bremen Besucher nahm mit diesem Projekt Form an (Abb. 2). Roselius erkannte sofort, dass zu einer Touristenattraktion eine leistungsfähige Gastronomie gehörte. Das Haus sollte Platz bieten für Einzelhandelsgeschäfte, Gastronomie und Veranstaltungsräume.

Insgesamt neun Grundstücke – in Größe und Schnitt sehr unregelmäßig – erwarb Ludwig Roselius von der Stadt 1923 für sechzig Jahre auf Erbpacht. Hier hatten sich kleine, teils heruntergekommene Handwerkerhäuser befunden, teils waren die Grundstücke auch schon leer. Mit der Bauplanung wurde bereits 1922 begonnen, das Vollendungsjahr 1926 ist auf den Konsolsteinen (Abb. 3) des Dacherkers am Platz des Glockenspiels eingetragen.Die Genese der Planung war sehr viel komplizierter, als es hier dargestellt ist. Siehe hierzu Leuenroth a.a.O.

  • überziehen.Grundlegend zu den beiden Häusern: Kirsten Leuenroth: Das HAG-Haus und das Haus St. Petrus, in: Hans Tallasch (Hg.): Projekt Böttcherstraße, Delmenhorst 2002, S. 119-145
  • eingetragen.Die Genese der Planung war sehr viel komplizierter, als es hier dargestellt ist. Siehe hierzu Leuenroth a.a.O.

Das Äußere

Bauherr Ludwig Roselius stellte Runge und Scotland mit dem Neubau vor eine schwierige Aufgabe. Sie mussten einerseits die gewünschten großen, repräsentativen Veranstaltungsräume so platzieren, dass die schmale Grundstücksgrenze nicht überschritten wurde und andererseits die historisch gewachsene Vielgestaltigkeit der kleinen Häuser wiederaufnehmen. Trotzdem musste der Bau in seiner Form als Einheit wahrgenommen werden können. Und es sollte – damit keine bloße Kopie des Alten entstand – auch eine zeitgemäße Formgebung spürbar sein.

Die Architekten haben diese Aufgaben genial gelöst. Sie haben den langgestreckten Bau sehr geschickt gegliedert: Die enge Straße wurde im vorderen Bereich mit einer Arkadenzone verbreitert, um Platz für die Fußgänger zu gewinnen. Blickt man vom Markt her in die Straße (Abb. 4), so sieht man im Bereich der Arkaden eine leichte Kurve. Dadurch wirkt die Straße optisch länger, als sie in Wirklichkeit ist. Zugleich verbindet die regelmäßige Folge der Arkaden den Bau zu einer Einheit, der im Obergeschoss zu einer vielgestaltigen Dachlandschaft aufgegliedert ist. Hierbei wurde häufig auf das Motiv des Treppengiebels (Abb. 5) zurückgegriffen, das an alte hanseatische Giebelfassaden aus Backstein erinnert. Auch mit der Verwendung von großen Backsteinen im Klosterformat, die im traditionellen Kreuzverband vermauert sind, knüpften Runge & Scotland an die Bautradition Norddeutschlands an. Die Fenster (Abb. 6) sind auf unterschiedlicher Höhe und in unterschiedlicher Größe ins Mauerwerk eingelassen. Teils ragen sie in den Dachbereich hinein, teils werden große Fensterflächen durch kleinteilige Sandsteinstege vermieden. Vieles erinnert hier an englische Landhäuser aus viktorianischer Zeit. Aber auch die Gotik als der ,historische Stil‘ der Zwanziger Jahre wird aufgenommen. Betritt man die Böttcherstraße von Markt, blickt man in der Achse auf einen Backsteingiebel (Abb. 7) mit einer Gliederung aus drei Spitzbögen, wie sie in Hansestädten im Mittelalter üblich waren, auch in Bremen. Doch bei näherer Betrachtung haben Runge & Scotland die Blenden nicht im Bogen zur Spitze zusammenlaufen lassen, sondern als Gerade. Der Spitzbogen ist also nicht als bloße historistische Kopie übernommen worden, sondern zeitgemäß vereinfacht. Das gleiche gilt für die große Arkade darunter im Erdgeschoss. Der tatsächliche Spitzbogen ist hier als Motiv isoliert und ins Monumentale gesteigert.Dieser Umgang mit der Gotik ist typisch für die Architektur der Zwanziger Jahre. So wäre im Mittelalter nie gebaut worden. Der seit 1931 dahinter erhöht erscheinende Giebel des Robinson-Crusoe-Hauses wiederholt die drei Spitzbogenblenden, wodurch eine fast malerisch wirkende Tiefenstaffelung des Motivs entsteht.

  • gesteigert.Dieser Umgang mit der Gotik ist typisch für die Architektur der Zwanziger Jahre.
Abb. 10: Haus St. Petrus vor 1944, Flett nach SW
Große Wagenräder mit Holzfiguren als Braut und Bräutigam sind die Blickpunkte im Gastraum, gestaltet von Ernst Müller-Scheessel.
Quelle
Stickelmann (Foto)

Inneres

Südlich des schmalen eingeschossigen Baus des HAG-Hauses, pachtete Roselius dahinterliegende Fläche hinzu, so dass tiefere Grundstücke zur Verfügung standen, die auch wieder mit zwei hohen Vollgeschossen bebaut werden konnten. Auf den ehemaligen Grundstücken Böttcherstraße 13-19 entstand ein Gastronomiekomplex mit zwei Restaurants, Küche, Sälen und einem großen Veranstaltungsraum.

Flett

Der Arkadengang des HAG-Hauses läuft auf den Eingang des Restaurants Flett zu (Abb. 8), das seine Schauseite zum Platz des Glockenspiels zeigt. Große Fenster (Abb. 9), die mit Sandsteineinfassungen fein gerastert sind, laden den Besucher ein. Der Restaurantname ‚Flett‘ spielt auf den zentralen Ort in einem niedersächsischen Bauernhaus an, an dem man täglich zusammensaß. Entsprechend hatte Roselius’ Schwager Ernst Müller-Scheessel das Restaurant mit regionalem Bezug fantasievoll eingerichtet: Wagenräder (Abb. 10) als volkstümliche, bodenständige Kronleuchter, darauf gedrechselte Holzfiguren eines Scheeßeler Hochzeitszuges mit Braut und Bräutigam als Lampenhalter, Holzvertäfelung mit Zinngeschirr darauf sowie Gemälde und alte Stiche.Die Sammlung alter Bauernkunst von Gemälden, Stichen und Zinn konnte Roselius komplett vom Bauern Hoys aus Burgsittensen ankaufen. Hier wurde deftige Landkost gereicht. Nach vielfachen Veränderungen ist das Lokal seit 2003 als Ständige Vertretung im Flett bekannt (Abb. 11).

  • alte Stiche.Die Sammlung alter Bauernkunst von Gemälden, Stichen und Zinn konnte Roselius komplett vom Bauern Hoys aus Burgsittensen ankaufen.
Abb. 12: Goldener Saal nNO (bis 1931)
Veranstaltungsraum nach Nordosten im OG des Haus St. Petrus 1926-31
Quelle
Stickelmann (Foto)

Goldener Saal

Über dem Flett befand sich der große Veranstaltungssaal (Abb. 12), den Runge &Scotland extravagant ausstatteten, damit Roselius ihn für Empfänge und Feste nutzen konnte, mit Bühne und geräumigen Garderobenvorräumen. 1931 ließ ihn Roselius im Rahmen von Umwidmungen der Räume im Haus repräsentativ umbauen und mit viel Goldfarbe dekorieren. Fortan hieß er Goldener Saal (Abb. 13). Im Krieg brannte der Raum aus, wurde aber – zeitgemäß gestaltet von Hubert Bowe – seit 1954 als Vortrags- und Festsaal (Abb. 14) weitergenutzt und ist vielen Bremerinnen und Bremern als prominenter, zentral gelegener Veranstaltungsort heute noch ein Begriff.Die von der HAG 1955-68 organisierten Vortragsreihe ‚Geistige Begegnungen in der Böttcherstraße‘ fand hier statt, wie auch Vorträge Bremer Gesellschaften und Vereine, aber auch Betriebsfeiern der HAG. Besonderen Anklang fanden die Feste des Bremer Künstlervereins und der Hochschule für Künste. Anfang der 60er Jahre erneut umgestaltet durch Carsten Schröck (Abb. 15), fand der Raum von 1981-2010 eine Nutzung als Hauptsaal des Bremer Spielcasinos (Abb. 16). 2010/11 entstand auf der Rückseite der Böttcherstraße zur Bredenstraße ein Hotelneubau, die den Saal nun wieder als Goldenen Saal (Abb. 17) für besondere Anlässe nutzt.

  • heute noch ein Begriff.Die von der HAG 1955-68 organisierten Vortragsreihe ‚Geistige Begegnungen in der Böttcherstraße‘ fand hier statt, wie auch Vorträge Bremer Gesellschaften und Vereine, aber auch Betriebsfeiern der HAG. Besonderen Anklang fanden die Feste des Bremer Künstlervereins und der Hochschule für Künste.
Abb. 18: Haus St. Petrus, HAG-Glasfenster
Werbefenster für Kaffee HAG unter der Arkade des Giebelhauses St. Petrus.
Quelle
Clebowski (Foto)

Weinrestaurant St. Petrus

Der Blickfang vom Markt her ist der gotisierende Giebel, der einem alten hansestädtischen Giebelhaus nachempfunden ist, dessen monumentale Spitzbogenarkade im Untergeschoss aber auf die 20er Jahre verweist (Abb. 7). Ursprünglich sollte es Fischkosthaus heißen, um hier den Fischgenuss zu propagieren. Dies war eine Werbemaßnahme von Roselius, der maßgeblich an der ‚Nordsee Fischvertriebgesellschaft‘ beteiligt war. Unter der Arkade ließ er zunächst durch Georg K. Rohde Glasfenster mit Fischmotiven einsetzen. Auf Traufhöhe an der Ecke des Gebäudes sollte die Skulptur ‚Petri Fischzug‘ nicht nur an den Apostel erinnern, sondern in den Dienst der Fischwerbung treten. Die Figur schuf Irmgard Roselius.Irmgard Roselius (1903-1982), zweite Tochter von Anna und Ludwig Roselius, Bildhauerin (Schülerin von Bernhard Hoetger) Sie musste nach dem Krieg von ihr erneuert werden. Die Glasfenster mit Fischmotiven ersetzte August WelpAugust Welp (1895-?), Bremer Maler und Grafiker 1954 durch Werbung für Kaffee HAG (Abb. 18).

Hinter dem gotischen Giebel erschloss sich eines der gediegensten Restaurants im alten Bremen: Das Weinrestaurant St. Petrus (Abb.19). Runge & Scotland gestalteten diesen Speiseraum „zu einem der schönsten in ganz Norddeutschland“, so Alfred Faust.Alfred Faust: Die neue alte Böttcherstraße in Bremen, in: Bremer Volkszeitung 12. Oktober 1926 In zeitgenössischen BeschreibungenRobert Kain: St. Petri Wein- und Fischhaus und das HAG-Haus, in: Die Böttcherstraße in Bremen, Norddeutsche Kunstbücher, Band 7, Wienhausen 1927, S. 7 wird die einmalige Wirkung noch heute lebendig:

„Der Hauptsaal greift hoch hinein in den Dachstuhl, dessen dunkles Gebälk die Decke teilt. Im Luftraum des sich dadurch ergebenden trapezförmigen Querschnitts hängen Kopien alter bremischer Schiffsmodelle und Lichtträger mit Lampen und Laternen. Die Raumstimmung erfährt durch die Kachelverkleidung der Wände eine außerordentlich reizvolle Verstärkung. Blau und violett auf weißem Grunde, von Delfter Qualität, aber in der Zeichnung – auch in den Einzelheiten Entwurf von Runge & Scotland – ganz frei und trotz der Schlichtheit der Motive von entzückendem Reichtum. Als Gegenspiel Einsätze von buntem Glas von Georg Karl Rohde, Bremen, die in der Glasmalerei seiner Giebelfenster zu überzeugender Schönheit werden.“ 1931 wurde dieser Raum mit neuer, üppigerer Dekoration versehen, weil er fortan als Speiseraum für den Club zu Bremen dienen sollte (Abb. 20). Leider wurde gerade dieses Zeugnis hanseatischen Dekorationsempfindens schon 1942 durch eine einzelne Sprengbombe zerstört (Abb. 21).

Nach Wiederaufbau wurde die Decke abgehängt um Wohnraum in der Böttcherstraße zu schaffen, der nach dem Krieg knapp war. Der nun niedrigere Raum wurde weiterhin gastronomisch genutzt, so als sog. „Château“ in den 60er Jahren (Abb. 22). 1981 bis 2010 diente er dem Spielcasino als Pausenraum für die Angestellten. Heute befinden sich hinter der gotisch-expressionistischen Fassade Kreativbüros aus dem Bereich Werbung und Film.

  • Irmgard Roselius.Irmgard Roselius (1903-1982), zweite Tochter von Anna und Ludwig Roselius, Bildhauerin (Schülerin von Bernhard Hoetger)
  • August WelpAugust Welp (1895-?), Bremer Maler und Grafiker
  • Alfred Faust.Alfred Faust: Die neue alte Böttcherstraße in Bremen, in: Bremer Volkszeitung 12. Oktober 1926
  • zeitgenössischen BeschreibungenRobert Kain: St. Petri Wein- und Fischhaus und das HAG-Haus, in: Die Böttcherstraße in Bremen, Norddeutsche Kunstbücher, Band 7, Wienhausen 1927, S. 7